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Leipzig als Hauptstadt der Friedlichen Revolution

Rede des Chefs der Staatskanzlei zur Präsentation des Wandgemäldes »20 Jahre danach« von Michael Fischer-Art

Staatsminister Dr. Johannes Beermann und der Künster Michael Fischer-Art bei der Ansprache des Ministers vor dem Kunstwerk.

(© SK)

Meine Damen und Herren,
sehr geehrter Herr Fischer-Art,

das Jahr 2009 steht ganz im Zeichen der Erinnerung an die Friedliche Revolution von 1989. Man mag es manchmal kaum glauben, dass dieses welthistorische Ereignis bereits 20 Jahre hinter uns liegt. Für alle von uns sind Meinungs- oder auch Pressefreiheit heute selbstverständlich. So selbstverständlich, dass individuelle Freiheit mitunter nicht mehr die Wertschätzung erfährt, die sie verdient.

Umso erfreulicher ist es für mich, dass wir uns heute hier zusammengefunden haben, um ein Werk der »künstlerischen Freiheit« zu würdigen. So kann heute der erste Teil des »Wendebildes« von Michael Fischer-Art präsentiert werden. Genauso wie sein Bilderzyklus »20 Jahre Mauerfall« ist es ein Werk, in dem der Künstler seine eigenen Erfahrungen aus der DDR bzw. vom Herbst `89 verarbeitet hat. Dadurch wirken beide Werke besonders authentisch.

Aufgewachsen mit regimekritischem Gedankengut – nicht zuletzt aus der Jungen Gemeinde – bleibt Michael Fischer-Art der Zugang zum Abitur verwehrt. Er lernt daher zunächst Maurer und arbeitet als Anstreicher oder Hausmeister.

Bis zum Herbst 1989. Da ist Michael Fischer-Art dabei, als durch Proteste und Demonstrationen das DDR-Regime zu wanken beginnt und schließlich einstürzt. Erstmals äußert er sich in der Öffentlichkeit mit seiner Kunst – und zwar in Form von Transparenten.

Fortan steht auch für ihn die Welt offen, in der er seiner Kreativität freien Lauf lassen kann. Er macht Abitur und studiert hier in Leipzig an der Hochschule für Grafik und Kunst, bevor er als freischaffender Künstler tätig wird. Schnell gehört Fischer-Art zu den so genannten »Jungstars« der deutschen Kunstszene. Weltweite Aufmerksamkeit – die meisten von Ihnen wissen das – erregte er während der Fußball-WM 2006 mit seiner Aktion »Drei Türme«, als er hier am Leipziger Brühl drei leerstehende achtstöckige Plattenbauten in ein riesiges Kunstwerk verwandelt hat.

Drei Jahre später hat sich Michael Fischer-Art einem ganz anderen Thema gewidmet, und zwar dem Jubiläum »20 Jahre Mauerfall« bzw. »20 Jahre Friedliche Revolution«.

Und ich finde, Michael Fischer-Art ist mit diesem Bild und den Werken des Zyklus’ »20 Jahre Mauerfall« etwas ganz Besonderes gelungen. So stellt er mit dem für ihn typischen Stil – also z. B. mit leuchtenden und freundlichen Farben – Situationen und Ereignisse dar, die alles andere als freundlich waren. Er zeigt Leute in Gefängnissen, Grenzsoldaten, die mit Maschinengewehren auf Menschen zielen oder eben Demonstranten, die Angst um ihr Leben haben mussten.

Er zeigt die DDR, wie sie manche im Rückblick nicht mehr wahr haben wollen. Die DDR: Das waren Tote an der Mauer, Spitzeleien der Stasi, das waren politische Gefangene, Ausreiseanträge und alltägliche Wut über ein System, das seine Menschen nicht frei und unabhängig sein ließ. Staatliches Unrecht und Willkür suchten viele Familien heim und zerstörten vielfach persönliche Träume und Lebensentwürfe.

Meine Damen und Herren,

dass Sie und ich heute hier stehen und dieses Bild der Öffentlichkeit präsentieren können, verdanken wir unter anderem auch denen, die im Herbst `89 Montag für Montag hier in Leipzig demonstriert haben.  Es ist daher gut und wichtig, dass wir auf ganz vielfältige Art und Weise an die Ereignisse von damals erinnern. Dies kann durch Ausstellungen im Zeitgeschichtlichen Forum oder Diskussionen im Museum »Runde Ecke« geschehen.

Auch ein Freiheitsdenkmal kann diese Rolle übernehmen. Theaterstücke oder Werke wie das von Michael Fischer-Art tragen zum Erinnern bei. Wichtig ist nur, dass wir erinnern und dass dies nicht mit erhobenem Zeigefinger geschieht.

Denn eines möchte ich an dieser Stelle auch sagen: Zum alltäglichen Leben in der DDR gehörten auch andere Erfahrungen als Gefängnis, Stacheldraht und Mangelwirtschaft. Die DDR-Vergangenheit ist mehr als die Geschichte eines politischen Unrechtsregimes. Dessen bin ich mir durchaus bewusst.

Es darf aber nicht sein, dass wir in wirtschaftlich schwierigen Zeiten, wie wir sie derzeit erleben, einer zunehmenden DDR-Verklärung freien Lauf lassen. Dem gilt es etwas entgegenzusetzen.

Ein Bild wie dieses von Michael Fischer-Art sollte daher jeden von uns – egal ob aus dem Osten oder aus dem Westen – dazu einladen, einige Minuten davor stehen zu bleiben, sich Gedanken zu machen, mit Freunden oder der Familie zu diskutieren. Ich bin Herrn Fischer-Art und allen, die das Kunstwerk an dieser Stelle ermöglicht haben, sehr dankbar. Denn es wird den Ruf Leipzigs als Hauptstadt der Friedlichen Revolution untermauern.

Vielen Dank!

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Quelle: dpa/Frank Kleefeldt

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